Helikopter-Angehörige: Darauf sollten Sie achten | SoBeO

Helikopter-Angehörige: Darauf sollten Sie achten

Herr König ist vor 6 Monaten in die Einrichtung eingezogen. Er hat eine Demenz sowie Schwierigkeiten beim Laufen. Vor dem Einzug wurde er 4 Jahre lang von seiner Frau betreut und gepflegt, was nach einem schweren Sturz aber nicht mehr möglich war. Frau König hat sich immer bemüht, die Wünsche ihres Mannes zu erfüllen, auch wenn das nicht immer einfach war. Sie kommt nun täglich in die Einrichtung und hat sehr genaue Vorstellungen davon, was ihr Mann alles kann, möchte und darf. Frau König hilft beim Frühstück, indem sie Herrn König auf seinem Zimmer das Essen anreicht. Danach fährt sie ihn eine Runde spazieren und sie nehmen gemeinsam am Gedächtnistraining teil. Frau König ist es wichtig, dass ihr Mann „etwas für seinen Kopf tut“. An Bewegungsangeboten soll Herr König nicht teilnehmen. Das findet Frau König zu gefährlich, weil er zuhause ja schon gestürzt ist. Das soll sich nicht wiederholen. 2-mal in der Woche hat Frau König nachmittags Termine. An diesen Tagen kommt eine Betreuungskraft in die Einrichtung, die sich um Herr König kümmert und von Frau König zusätzlich bezahlt wird. Frau König ist abends oft müde und spricht mit den Pflege- und Betreuungskräften über ihr schweres Schicksal. Sie erklärt dabei auch gern, wie die Inkontinenzversorgung richtig funktioniert und an welchen Aktivitäten ihr Mann auf keinen Fall teilnehmen möchte. Sie erläutert, welche nie gemacht habe. Warum sollte er dies also heute wollen? 

Kennen Sie solche Fälle? Ich erlebe sie leider immer häufiger. Frau König schwirrt um ihren Mann herum wie ein Helikopter. Sowohl für Herrn König als auch für uns Betreuungskräfte ist dies eine schwierige Situation. Herr König freut sich, seine Frau zu sehen. Er hat sie sehr gern, auch wenn er nicht immer weiß, dass sie seine Frau ist. Sie gibt ihm Halt. Aber Herr König hat nicht die Möglichkeit, andere Kontakte zu knüpfen und er selbst zu sein. Als Frau König vor 2 Monaten eine Erkältung hatte, konnte sie eine Woche lang nicht kommen. Herr König war kaum wieder zu erkennen: Er hat an allen Angeboten teilgenommen, absolvierte ein Lauftraining, war beim Männerstammtisch, hat gebastelt und gesungen – alles Dinge, die er mit seiner Frau zusammen nicht machen kann. Er hat sich beim gemeinsamen Essen mit seinen beiden Tischnachbarn angefreundet und sich viel unterhalten. Als seine Frau wieder gesund war, war all dies wieder vorbei.

Für Betreuungskräfte sind solche Situation sehr frustrierend und es ist schwierig, damit umzugehen: Sie sehen, dass Herr König noch mehr Lebensfreude haben könnte, wenn er machen würde, wozu er Lust hat. Aber Sie können auch Frau König nicht sagen, dass sie zu Hause bleiben soll, oder? Manchmal ist es besser, Sie sprechen Ihre Beobachtungen offen an. Natürlich dürfen Sie Frau König nicht das Gefühl geben, ihrem Mann gehe es schlecht, weil sie so oft kommt. 

Was motiviert Frau König?

„Helikopter-Angehörige“ sind überfürsorglich. Sie möchten tatsächlich nur das Beste für ihre Partner oder Eltern. Frau König hat sich lange Zeit um ihren Mann gekümmert. Sie hatten einen gemeinsamen Tagesablauf, einen Rhythmus. Durch die Pflegebedürftigkeit ihres Mannes hat Frau König wieder eine Aufgabe bekommen. Wahrscheinlich erhält sie viel Lob und Anerkennung für ihr Engagement. Viele Menschen fragen sich vermutlich, wie sie es schafft, so oft bei ihrem Mann zu sein, und bewundern sie dafür. Frau König fühlt sich gebraucht und sie liebt ihren Mann. Sie möchte nicht, dass ihm etwas Schlechtes passiert. Vielleicht macht sie sich auch Vorwürfe, weil Herr König gestürzt ist und sie sich zuhause nicht mehr um ihn kümmern kann. All diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle und können eine Erklärung für ihr Verhalten sein.

Frau am Telefon am Küchentisch
Seien Sie verständnisvoll bei überfürsorglichen Angehörigen © Adobe Stock

So können Sie überfürsorgliche Angehörige unterstützen 

Überfürsorgliche Angehörige wie Frau König können viele Beweggründe für ihr Verhalten haben. Als Betreuungskraft haben Sie verschiedene Möglichkeiten, diese zu erkennen und zu thematisieren. Hier finden Sie wichtige Tipps:

  • Seien Sie verständnisvoll und versuchen Sie, dem Angehörigen die Ängste zu nehmen.
  • Sprechen Sie offen und ohne Vorwürfe über Ihre Beobachtungen. 
  • Bieten Sie einem überfürsorglichen Angehörigen an, zunächst mit seinem erkrankten Verwandten gemeinsam neue Aktivitäten auszuprobieren und dabei zu beobachten, wie sich die Person dabei fühlt. 
  • Spiegeln Sie das Verhalten des Angehörigen einfühlsam.
  • Vereinbaren Sie Zeiten für die Person mit Demenz, zu denen sie ohne den Angehörigen am Betreuungsangebot teilnehmen kann. Dieser muss deshalb nicht zuhause bleiben. Er kann sich auch anders beschäftigen. Erklären Sie einfühlsam, warum Sie dies vorschlagen. 
  • Zeigen Sie dem Angehörigen Fotos und/oder Videos von Situationen, in denen der Bewohner mit Demenz etwas allein gemacht hat und Spaß hatte.
  • Halten Sie sich genau an Absprachen mit dem Angehörigen, damit er Vertrauen aufbauen kann.
  • Bieten Sie an, dass Angehöriger und Erkrankter gemeinsam im Speisesaal essen können.
  • Vielleicht finden Sie andere Angehörige, mit denen sich überfürsorgliche Verwandte austauschen können.

Gespräche mit überfürsorglichen Angehörigen sind nicht einfach. Sie brauchen dafür viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Sie werden häufig auf Widerstände und Ängste stoßen. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen – es lohnt sich.